Sabine Müller-Funk. Ingrid Reichel
SABINE MULLER-FUNK
im Gespräch mit Ingrid Reichel
erschienen im ERSTE KLASSE/etcetera 23/März 2006
Ingrid Reichel besuchte die akademische Künstlerin Sabine Müller-Funk bei ihr zu Hause in Drosendorf im August 2005. Schon während ihres Studiums an der Akademie der Bildenden Künste in München, drängte es sie mit dem zerbrechlichen Material Glas zu arbeiten.
In Deinen Skulpturen aus Glas, teilweise kombiniert mit anderen Materialien, geht es um die Sehnsucht nach dem Anderen, dem Fremden. Gilt für Dich die Transparenz als Hilfsmittel?
Ich will etwas teilen und transparent machen, im gestalterischen, nicht im pädagogischen Sinne. Es geht um die Gleichzeitigkeit und den damit verbundenen Schwebezustand. Die daraus resultierenden Bewegungsabläufe sowie die eingefrorenen Bewegungen faszinieren mich. In den neueren Skulpturen, an denen ich jetzt arbeite, spielt das aber keine so große Rolle. Zurzeit beschäftige ich mich mit Texten von Autoren und vermische sie mit meinen eigenen Gedanken. Bestenfalls ist es ein spontanes Reagieren auf den Text. Ich mache mir Notizen und mittels Assoziationen ist praktisch diese Zeit, die ich damit verbringe, festgehalten.
Differenzierst Du zwischen Arbeiten mit Schrift und ohne Schrift?
Ich halte sie für eine Weiterentwicklung. Vor drei-vier Jahren begann ich Texte auf Glas zu schreiben, zu gravieren. Es waren Texte, die ich direkt auf die Landschaft schrieb, praktisch auf den Grund - der erste heißt auch „Beschreibung des Grundes“. Noch früher entstand eine Arbeit für „Roggenfeld“, einen Verein in Waidhofen an der Thaya, der sich zur Aufgabe gemacht hat, Kunst im öffentlichen Raum zu transportieren. Damals schrieb ich auf 20 Glasplatten, die waren ausnahmsweise aus Panzerglas, sandgestrahlt einen Text - die Schrift war lesbar, der Rest durchsichtig. Es war eine Installation, die der Besucher selbst weiterlegte. Hinten nahm man eine Platte weg und legte diese nach vorne. Auf diese Weise hatte man die Möglichkeit sich meditativ durch die Landschaft zu bewegen. Auf der einen Seite war man mit der Natur eng verbunden, aber auf der anderen Seite dienten die Glasplatten als Abstandhalter. Die Glasplatten fungierten gleichzeitig als Himmel, der oben gespiegelt wurde, als Schriftebene und als Grund, der darunter durchschien. Sie ermöglichten somit in eine Gleichzeitigkeit von drei Ebenen zu dringen. Der Text, der darauf stand, war auch die Anleitung.
Du erwähntest, dass das Glas als Trägerplatte als Ort der Zeitlosigkeit dient. Siehst Du in Deiner Arbeit einen Kampf gegen Zeit und Tod?
Die Auseinandersetzung mit der Zeit dient als Metapher. Sie ist ein Reflektieren, kein Kampf. Das Glas ist ein Material von vielen, an dem sich ein Künstler eben abarbeitet. Da entdeckt man in diesem Nachdenken, in diesem Prozess immer wieder neue Aspekte, die sich als Metapher eignen. Die Erklärungen, die hat man nicht vorher, sondern die ergeben sich dann, wenn man macht und tut.
Du arbeitest vorwiegend mit einfachem Fensterglas, welches grünlich schimmert. Erzähl mir mehr über den Umgang mit diesem Material, den Aufwand und die Mühe, die diese Arbeiten bergen.
Diese Frage wird mir immer wieder gestellt. Für mich ist Glas aber einfach ein Transportmittel, ein Medium. Und wenn ich es nicht brauche, um das auszudrücken was ich möchte, dann verwende ich etwas anderes. Deswegen habe ich immer gesagt: ich will keine großen, sündteuren Maschinen anschaffen, die brauchen einen Haufen Platz und würden mich zu sehr auf das Arbeiten mit Glas festlegen. Das Material soll aber nicht zur Selbstverständlichkeit werden. Eine zeitlang verwendete ich immer weniger Glas und ließ alles, wofür ich früher Glas verwendete, einfach frei. Bei meinen Bleiarbeiten zum Beispiel ging ich so vor.
Auf den Fotografien erscheinen Deine Skulpturen ziemlich groß, man kommt nicht hinweg sich die Frage zu stellen, wie schwierig es ist sie auszuführen.
Die Skulpturen sind nicht so groß, wie sie auf den Fotos aussehen. Sie wurden am Dach vom Lagerhaus in Drosendorf fotografiert, weil es sehr schwierig ist, Glas zu fotografieren, ohne dass sich etwas anderes drin spiegelt. Da meine Arbeiten eine sehr abstrakte Form von Landschaftsbezug aufzeigen, ist mir ein neutraler Hintergrund wichtig. Horizontale und Vertikale, Linien und Flächen aus Sand sind immer Metaphern für Luft und Erde. Aber in einem sehr zurückgenommenen Sinn. Viele Architekten meinen, dass meine Arbeiten wie Architekturmodelle aussehen, man sollte sie riesengroß bauen. Ich suche Sponsoren. (Sie lacht) Ich weigere mich auch das ganze Material und die technischen Einrichtungen, die man normalerweise verwendet, wenn man aus einer Glasfachschule kommt, zu besitzen. Ich habe mich immer davon abgesetzt. Diese Materialverliebtheit, dieses Hängen bleiben an Rezepten, ob man dies oder jenes miteinander verschmelzen kann, das hat mich nie interessiert.
Siehst Du das Arbeiten mit Glas als Experiment?
Nein, da gibt es keine Experimente, zumindest nicht mit dem Material an sich. Meine Arbeiten sind immer schon sehr geplant gewesen, auch die früheren Skulpturen bedurften genauer Überlegung. Bei den Schichtungen jetzt kann ich wieder mehr spontan agieren und reagieren, aber es ist immer ein sehr großer Anteil an Reflektion und Planung dabei.
Inwiefern spielen Texte in Deinem Werk eine Rolle?
Mich führte dieses Reflektieren logischerweise zur Schrift. Dieses Schriftthema wird allmählich für mich immer spannender. Ich fing mit der Schrift aus ganz anderen Gründen an. Am Anfang schrieb ich Texte, deren Aussagen mir eigentlich zu privat erschienen. So schrieb ich sie übereinander, und der Inhalt wurde dadurch unleserlich.
Du verbindest Schrift in Glas als Ablagerungen zu Themen wie Wortwürfeln, Wortbüchsen und Tagesspeichern. Dagmar Travner erwähnte in ihrem Bericht „Wortwürfel - Spiegelspiele“ über Deine gläsernen Objekte den frz. Philosophen und Psychoanalytiker Jacques Lacan mit dem Satz: „ça me regarde“, wörtlich übersetzt „das schaut mich an“, übertragen: „das geht mich an“, bzw. „das geht NUR mich an“. Siehst Du Dich in diesem Zusammenhang als Geheimnisträger?
Interessant ist für mich bei jedem Mal, wenn jemand anderer mich interviewt, der neue Zugang zu den eigenen Arbeiten. In meiner sich verändernden Arbeit beschäftigt mich dieses Kommunikationsthema immer mehr. Ich würde sagen, dass grundsätzlich die Aussage „das geht dich nichts an“ doch auch eine Auseinandersetzung anbietet, denn auch wenn jemand schüchtern ist, etwas verbergen möchte, ist das ein Ausdruck, dass er Kommunikation möchte. Bei einer Ausstellung neulich kam es mir so vor, es wird etwas gleichzeitig ausgestellt und verborgen. Es ist eine Distanzscheibe dazwischen, ein noli me tangere. Der Charakter von Schatzkästchen faszinierte mich schon immer. Weil das Glas an sich schon so etwas Kostbares ist, auch Glasscherben.
Du verwendest jedoch keine Scherben.
Nein, aber die Bruchkanten als solche, lasse ich so wie sie sind, außer es besteht Verletzungsgefahr.
Scherben sind jedoch kein Thema für Dich?
Nein, die sind mir zu zufällig. Gravierungen wie Kratzer, Rillen und Furchen stelle ich weiter als Kommunikationsversuche in den Raum.
Der Geheimnisträger bleibt. Inwieweit interessiert Dich das Feed-back der Betrachter zu Deinen Texten. Willst Du neugierig machen? Verlangst Du nach Auflösung?
Bei der letzten Ausstellung in Borgo, wo ich mit einer Künstlergruppe immer hinfahre und wir eine Woche zusammen arbeiten, wurde ich gebeten den Text insgesamt auszustellen. Ich fügte den zerstückelten Text, der dort ausgestellten Skulptur wieder zusammen und kopierte ihn auf Folie. Anschließend hing ich diesen Text neben der Skulptur als eine lange Fahne auf. Es gefiel mir dann auch ganz gut. Ich merke es interessiert mich das Thema: Verdichten und wieder Öffnen. Ich habe einen Arbeitstitel dafür: „Implikatio und Explikatio“ wie Einatmen und Ausatmen. Im letzten Jahr nahm ich an einem Symposium „Straße und Text“ teil. Mit einer Asphaltierungsmaschine schrieb ich einen lesbaren Text direkt auf die Straße. Es war ein Text, der sich mit der Aktion als solcher beschäftigte, mit der Erfahrung des Gleichzeitigen - während des Tuns auch authentisch zu bleiben. Ich empfand es als unheimlichen Gegensatz aus dem scheinbar unbedeutenden Privatem Großes zu extrahieren. Im Herbst 2005 nahm ich im Zuge der Kunstaktion „der 6te Sinn“ am Naschmarkt in Wien mit einer Schreibperformance teil. Textspenden der Passanten konnten gegen Schriftfragmente in Form von Brettern eingetauscht werden. Interessant daran war das fragmentarische Arbeiten. Es ermöglicht den Sinn zu verwischen und dafür Neues herzustellen.
In Deinen Skulpturen widerspiegelt sich Ästhetik. Welche Wertigkeit gibst Du ihr tatsächlich?
Welche Ästhetik meinst Du? Die Kunst der Schönheit oder die Kunst der Wahrnehmung?
Beide.
Ich habe klare und durchschaubare Prinzipien, ich arbeite sehr viel mit Dualitäten und Paradoxien, das spiegelt sich 1. in den Formen wieder und 2. im Material, in diesen einfachen, sparsamen Mitteln. Ich möchte auch von Seiten des Materials einen gewissen Widerstand spüren, es soll nicht zu einfach sein. Das Material an sich kann wertlos sein, die Ästhetik, die Du ansprichst, ergibt sich daraus.
Bevor Du Freie Malerei in München studiertest und dort das Glasatelier benutzen durftest, welches Dich auf die Bahn brachte, auf der Du gerade arbeitest, hast Du eine Lehre als Restauratorin abgeschlossen. Es scheint, dass Dich das Spirituelle nicht loslässt, denn Du hast auch mehrere Aufträge seitens der Kirche erfolgreich gemeistert, wie die Gestaltung des Glockenturms der evangelischen Kirche in Horn, das Fenster St. Stephans in Baden bei Wien und die Realisierung des Stein-Glas-Altares in St. Nikolaus Wilfersdorf in NÖ. Vertrittst Du einen religiösen Aspekt in Deinen Arbeiten?
Jedenfalls keinen konfessionellen. Was mir wichtig ist in diesem Zusammenhang, ist die Kommunikation mit dem Anderen, dem Nächsten, dem Menschen.
Deine letzten Ausstellungen waren sehr erfolgreich und hatten für Dich viele Einladungen im In- und Ausland auszustellen zur Folge. Mit Freude und Spannung erwarte ich die nächsten Entwicklungen Deiner Arbeiten und danke für das Gespräch.