Carmen. Rez.: E. Riebler

Eva Riebler
OHNE FOLKLORE

 

 
CARMEN.BEWEGT
Eine Spiel-Anleitung
Festspielhaus St. Pölten, Großer Saal
26.04.09, 18.00 Uhr
Tonkünstler Orchester Niederösterreich unter der Leitung von Andrés Orozco-Estrada mit der Carmen-Suite nach Bizet, arrangiert für Streicher, Pauken und vier Schlagwerkgruppen (1967) nach Rodion Schtschedrin.
Choreografie: Karin Steinbrugger
Dramaturgie: Heinz Janisch
Schauspiel: Hubertus Zorell
Organisation: Susanne Hofer
12 unbedarfte Tänzerinnen im Alter von 13 bis 19 Jahren.

 

In der kitschfreien Bearbeitung Carmens durch den Moskauer Rodion Schtschedrin werden die Schärfen und die Dynamik und Dramatik des Werkes gesteigert. Eindringlich begleiten die Schläge der Pauken und Trommeln den großen Chor der Streicher. Ein dramatisches Gefühl geht ins Publikum. Jedoch durch die Unterbrechung des Erzählers und Spielleiters wird stets das Augenmerk auf das Handlungsgeschehen gelenkt. Drei Tänzerinnengruppen zu je vier Mädchen, also insgesamt 12 Mädchen, versuchen nicht nur den Carmen-Stoff in Bewegung zu übersetzen, sondern pädagogischen Nutzen daraus zu ziehen. Kennt doch jeder die Gefahr von Liebe und Leidenschaft und kann nicht früh genug davor gewarnt werden. Die Rolle des Spielleiters (Hubertus Zorell) eignet sich vorzüglich nicht nur als Tanzlehrer zu gefühlsstarkem Ausdruck anzuregen, sondern als Mahner und Pädagoge aufzutreten. Jede der Tänzerinnen soll für sich ausloten, wo und wie ihre Gefühle begraben liegen oder zu wecken sind und wie sie umgesetzt werden können. Das aufeinander Eingehen, Rollen tauschen und eins werden in der Figur der Carmen als Verführerin gelingt. Drei Gefühlsbereiche muss jede Tänzerin durchlaufen: die der roten Seite, der Leidenschaft, die der blauen, der männlich coolen (Handlungsrolle von José und Escamillo) aber doch zu verführenden – und die der grünen Seite, der Rolle der zurückgelassenen, enttäuschten Geliebten oder der der Verwandten und Bekannten ohne Einfluss. Der Rollentausch bringt das Eintauchen in die Gefühle der leidenschaftlichen und vorsätzlichen Verführerin sowie in die Angst der Verlassenen oder Zurückgewiesenen.

Die Choreografie wird in der Vogelperspektive an die Rückwand des Bühnenraums geworfen und zeigt sinnbildlich den Perspektivenwechsel der Figuren und des Betrachters. Gleichzeitigkeit, Ruhe und Harmonie ist das Resultat. Es bedarf keines weiteren Bühnenbildes oder besonderer Lichtregie. Genug Dramatik liegt in der Handlung und der Musik.

Vor allem, wenn die Tänzerinnen für eine Szene fast bewegungslos im Dunkeln verschwimmen, kann man sich der hervorragend vorgetragenen Opernmusik widmen. Etwas weniger Tanztheater oder kürzere Szenen wären für die Zuhörer unter den Zusehern wünschenswert gewesen, um nicht die Choreografie der Gefahr, hie und da zu einem Einheitsbrei zu verkommen, auszusetzen.

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