Buch

Zdenka Becker: An einem anderen Ort

Eva Riebler

Zdenka Becker:
An einem anderen Ort

Foto Nikolaus Korab
Literatur Editiion, St. Pölten
220 Seiten, 2024
ISBN 978-3-902717-75-7

Hätte ich an einem anderen Ort die sein können, die ich nicht war, oder bliebe ich die, die ich schon immer bin?“ – so der erste Satz zum von der Autorin aus Eger/ Tschechien, etwa 60 km entfernt vom seitherigen Ort ihres Wirkens und Tuns. Heißt es nicht vielmehr: Hätte ich die werden können, die ich nun bin? Ja, diese Frage stellt sich auch uns stets. Wer bleibt schon am Ort seiner Geburt und seines Aufwachsens? Ist es nicht von Vorteil in die Welt hinaus zu ziehen und eine andere zu werden, was ja sowieso gelingen wird?
Ja es geht um Heimat und Nicht-Heimat, falls man diese verlassen hat. Auch wenn man dies freiwillig tat, weil schon ein Kind unterm Herzen, von dem, den man beabsichtigte zu heiraten.
Und es geht um Liebe, die brauchen wir auch in Corona- Zeiten immer analog! S. 81
Viele interessante Erinnerungen an eine andere Welt und Mentalität durchziehen die Geschichten. Besonders interessant ist z. B. der Dialekt der alten Babka, der slowakischen Oma, der am ehesten an die neue Sprache in der St. Pöltner/Wiener Heimat herankommt. Ja, wie kann man neben den Einheimischen bestehen? Und fühlt man sich neben Flüchtlingen nicht wieder selbst als „Zugroaste”, wie damals? Sind gar ganze Länder symbolische Fußabstreifer oder Kellerräume? Diese vielen Fragen zeugen schon vom Verständnis und der Sensibilität der Autorin, die auch nach 50 Jahren nicht abgestumpft ist. Sie führt uns auch in die Gedankenwelt eines geflüchteten Ukrainers und lässt ihn S. 62 rufen: „Vertraue nicht, vertraue nicht, vertraue niemals Moskau!”
Zdenka Becker erzählt genial, sei es vom schwarz-weißen Hund oder dem Großvate,r der dem Sozialismus nie entkommen ist oder ihren Deutschkursen in der „German Summer School” in Albuquerque.
Ein wirklich abwechslungsreiches, spannendes Werk. Machen uns unsere Erinnerungen oder ist es nur so, dass wir unsere Erinnerungen machen? Zdenka Becker kann beides und schuf uns ein Erinnerungsbuch!

Wolfgang Kühn: (Hg.): Grenzenlos?

Cornelia Stahl

Anthologie: 2020. 241 Seiten.

St.Pölten: Literaturedition Niederösterreich.

ISBN: 98-3-902717-54-2

 

Grenzen – imaginierte und reale

Niederösterreichs Grenzen zu Tschechien prägen seit vielen Jahren das Zusammenleben beider Staaten. 1989 wurden die Grenzbalken endlich durchtrennt. 1995 trat Österreich der Europäischen Union bei, doch im März 2020 wurden Europas Landesgrenzen erneut geschlossen, persönliche Ausgangsbeschränkungen aufgrund der COVID 19-Pandemie angeordnet. Die aktuelle Anthologie der Literaturedition Niederösterreich setzt sich mit den unterschiedlichen Formen von Grenzen auseinander. Autoren/Autorinnen sowie der Objektkünstler Matthias Mollner lieferten facettenreiche Beiträge. Milena Michiko Flasar simulierte mithilfe der Tagebücher Klaus Manns die Vorstellung, nicht mehr in die Heimat zurückkehren zu können. Ilse Tielsch versetzt sich in die Kindheit zurück, als plötzlich während des Fahrradfahrens Erinnerungen an die Eltern auftauchen. Xaver Bayer nimmt uns mit auf eine Grenzfahrt. Die Doppelseite in ultramarin und folgende Fotos lassen uns hinabtauchen, in einen Fluss und eine Nacht durchqueren. Atmosphärisch folgen die Bilder einem eigenen Erzählfluss, bewirken ein Innenhalten. In David Bröderbauer s´Beitrag spürt der Lesende die Distanz zwischen zwei Ländern: Unausgesprochene Worte erschweren den Blick nach Tschechien. Die jahrelange Entfremdung löst sich im Gespräch zwischen Vater und Sohn auf. Annäherung wird ermöglicht. Julian Schutting konstatiert: „Grenzüberschreitungen, das sind Horizonterweiterungen“ (S.33), Kindheit und Kirchenstraße. Ana Marwan reflektiert paradiesische Grenzen.

Weitere Beiträge von: Zdenka Becker, Harald Friedl, Sandra Gugić, Barbara Neuwirth, Verena Mermer, Thomas Sautner, Michael Stavarič, Peter Steiner. Dem Herausgeber Wolfgang Kühn ist eine sorgfältige Auswahl an vielfältigen Bild- und Textbeiträgen gelungen. Ein facettenreicher und grenzenloser Lese- Genuss!

Cornelia Stahl


 

Isabella Feimer (Hg.): Frauen.Wahl.Recht

Cornelia Stahl

Isabella Feimer (Hg.):
Frauen.Wahl.Recht.

St.Pölten: Literaturedition
Niederösterr., 2018, 166 S.,
ISBN: 978-3-90 2717-47-4

Von der Möglichkeit, die eigene Stimme zu gebrauchen. … erzählt die vorliegende Anthologie. Versammelt sind darin Beiträge von vierzehn Autorinnen: Isabella Feimer, Corinna Oesch, Gudrun Büchler, Lydia Steinbacher, Katharina Peham, Zdenka Becker, Magda Woitzuck, Cornelia Travnicek, Simone Hirth, Sandra Gugic, Elisabeth von Samsonow, Marlene Streeruwitz, Eva Rossmann und Katharina Strasser (Nachwort).
Magda Woitzuck setzt sich mit Versprechen, Erwartungen und Enttäuschungen der jungen Generation auseinander. Im Subtext schwingt die Auseinandersetzung weiblicher Lebensentwürfe mit, der gleichzeitig tastend nach Möglichkeiten und Räumen sucht, eigene Vorstellungen umzusetzen. Wir spüren das Ausloten von Selbstwirksamkeit und Austesten von Grenzen.
Aufbegehren zeugt sich auch im Text von Katharina Peham: „Jeder Entwurf: ein politischer Akt. Overture eines neuen Zeitalters.“ Sie spielt also mit der Erwartungshaltung des Lesenden, schürt Hoffnungen auf das Kommende, auf die Zukunft, die Positives einschließt. Aus dem Text geht hervor, welche Zukunftschancen Orte, Städte, Landschaften eröffnen oder eben ausschließen. Der Ort, an dem wir geboren wurden, die Familie, in der wir aufgewachsen sind, scheinen über weiters Glück/Unglück zu entscheiden. Gibt es ein „richtig“ und ein „falsch“ im Leben? Wer bestimmt über diese „Marker“? „Johanna denkt manchmal nach, wie Weihnachten verlaufen wäre, wären sie eine „richtige“ Familie gewesen“(S.52).
Über die Fragilität des weiblichen Geschlechts erzählt Sandra Gugic´in ihrem Beitrag: „Fragmente einer Chronologie des Zorns“. Fragen an Fragen werden aneinander gereiht, die zum Teil provozieren. Gewünscht hätte ich mir am Ende ein Manifest des weiblichen Aufbegehrens-
welches Solidarisierungseffekte innerhalb von Frauen hervorbringt und an Erreichtes anknüpft!
Frauen wie Männern empfohlen!

Zdenka Becker: Ein fesches Dirndl

Cornelia Stahl

Zdenka Becker:
Ein fesches Dirndl.

Meßkirch: Gmeiner- Verlag
2019, 279 Seiten.
ISBN-13: 9783839223635

 

Lebenslanges Ringen um Zugehörigkeit und Identität. „Das Private ist politisch“, eine Parole der zweiten Frauenbewegung der 1970er Jahre.  Der aktuelle Roman Zdenka Beckers unterstreicht diese Aussage. Becker skizziert das Aufwachsen in einer Diktatur in der Tschechoslowakei, formuliert eigene Lebensentwürfe erzählt vom Neuanfang in Österreich. Schon im letzten Buch „Samy“ dominierten Fragen von Identität, Heimat  und Zugehörigkeit.   

Im Fokus steht Protagonistin Bea, die die Ereignisse ihre Lebensgeschichte erzählend wie eine Perlenkette aneinanderreiht. Dass diese überwiegend deckungsgleich mit denen der Autorin sind, ist kein Zufall. Becker ist selbst vor über vierzig Jahren nach Österreich eingewandert. Rückblickend reflektiert Bea die Anfänge ihrer Kindheit in  der  Tschechoslowakei, beschreibt Alltagssituationen im Kommunistischen System, dem sie so schnell wie möglich den Rücken kehren will, sowie den Neubeginn in Österreich: Vom Erlernen der deutschen Sprache bis hin zum Tragen eines Dirndl`s. Bea`s Lebensgeschichte wird öffentlich und somit Teil der Geschichte, der Migrationsgeschichte Mitteleuropas. 

Der Roman liest sich unterhaltsam, mitunter witzig. Das Einfügen tschechischer bzw. slowakischer Redewendungen erzeugt Spannung, ermöglicht einen Perspektivenwechsel. Die Figurenzeichnung gelingt der Autorin sehr gut, sodass eine ausreichende Identifikation entstehen kann.  

Zdenka Becker, geboren in Eger/Tschechien, kam vor über vierzig Jahren nach Österreich und lebt seit vielen Jahren in St.Pölten/Niederösterreich, schreibt auf Slowakisch und Deutsch. 

Ihre Theaterstücke wurden im Landestheater Niederösterreich aufgeführt. 

Allen an Migrationsgeschichte interessierten Lesern/LeserInnen empfohlen! 

Manfred Becker-Huberti: Heiliger Nikolaus

Eva Riebler

Manfred Becker-Huberti
Heiliger Nikolaus. Geschichte-Legende-Brauchtum

Verlagsgemeinschaft topos premieum Kevelaer, 2018
978-3-8367-0048-1

Auf dem Weg zum Himmel bleiben. Dabei soll der Hl. Nikolaus helfen! Der Legende nach hat er drei Töchtern eines verarmten Vaters vor der Schande bewahrt und drei unschuldige Feldherren gerettet, wenn man als historische Vorlage Nikolaus, geb. 270 in Patras, der um 300 Bischof von Myra wurde, hernimmt. Die historischen Lücken wurden mit Legenden aufgefüllt, bzw. mit der Person des 200 J. später lebenden Nikolaus von Sion verknüpft. Jedenfalls ist der Hl. Nikolaus in der Ostkirche derart verehrungswürdig, dass es in einem russisch-bulgarischen Scherzwort heißt: Wenn Gott stirbt, dann wählen wir den hl. Nikolaus zu seinem Nachfolger!

Spannend zu lesen sind nicht nur die wissenschaftlich belegbaren Daten der Herkunft und Legendenbildung, die des Brauchtums, Kults wie der Verehrung – ziehen sie doch Spuren von Griechenland bis Bari, Venezien und Köln – sondern auch die Spuren des “bösen“ Knecht Ruprecht, der in dämonischer, fantasievoller Gestalt, mit Ruten und Rasseln ausgerüstet am 6. Dez. sein Unwesen treibt. Ob Mummenschanz oder Folklore, ob Geschenke als Heilung und zugleich als Heil oder sinnvolles Schenken als Brauchtum oder unsinniges als Pflicht – Hubert Becker-Huberti geht den Dingen wissenschaftlich breit gefächert auf den Grund.

Angereichert mit Backrezepten, Volksliedern und einem alphabetischen Glossar staunt der Leser darüber, was er über eine so bekannte Figur bisher alles NICHT wusste!

Fazit: Schleunigst nachholen!