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Compañia Nacional de Danza. Rez.: E. Riebler

 

 

 

 

 

Eva Riebler
INTIME QUALITÄTEN

 

 

COMPAŇÍA NACIONAL DE DANZA
Festspielhaus St. Pölten, Großer Saal
15.05.09, 19.30 Uhr
Künstlerische Leitung: Nacho Duato

 

 

Nacho Duato ist nicht nur künstlerischer Leiter sondern Choreograf aller drei Stücke: GNAWA, O DOMINA NOSTRA und COBALTO.

Die beiden letzten wurden an diesem Abend im Festspielhaus St. Pölten als Österreich- Premiere getanzt.

Macho Duato stammt aus Valencia und führt seine mediterranen Wurzeln mit dem Stück GNAWA weiter. Man hört das Wasser des Meeres und kann durch die gleitenden Bewegungen der Tänzer sich in den Süden versetzen. Die Musik aus Spanien und Nord-Afrika (die Gnawa sind ein Minderheit aus Marokko und Nachkommen von Sklaven) soll böse Geister vertreiben und zur Selbstheilung führen. Der halbdämmrig beleuchtete Bühnenraum und die mitgeführten Lichter verdeutlichen dies eindrucksvoll.

Wie im nächsten Stück, das der Gottesmutter geweiht ist, wird Spiritualität getanzt und durch die Perfektion der Choreografie und Ausführung derselben alles Irdische abgestreift.

In diesem Werk ist die Orgelmusik mit Sopranstimme von Górecki ein zusätzliches Meisterwerk, das einen entrückt. Fast hätte man die Augen geschlossen, um diesen sphärischen Klängen zu lauschen, jedoch ziehen die eng und blockweise getanzten Männerrollen als Kontrast zur Einzelfigur der Solotänzerin die konzentrierte Betrachtung auf sich. Ein herrliches Ensemble und eine gelungene Choreografie!

Genauso gelungen ist die als Liebesbeziehung getanzte Choreografie COBALTO.

Hauchzart und zerbrechlich biegt sich die Tänzerin und bringt mit ihrem Partner Erotik pur auf die Bühne. Mehr Intimität und Synthese ist nicht denkbar!

Nicht umsonst bekam Nacho Duato den französichen Chevalier de l’Ordre des Arts et des Lettres und die spanische Goldmedaille für besondere verdienste in der Kunst und 2000 den begehrten internationalen Preis für Choreografie, den Benois de la Danse, für seine Arbeit: „Multiplicity. Forms of Silence and Emptiness“.

Mehr Qualität gibt es nicht!

Compañia Nacional de Danza. Rez.: E. Riebler

Carmen. Rez.: E. Riebler

Eva Riebler
OHNE FOLKLORE

 

 
CARMEN.BEWEGT
Eine Spiel-Anleitung
Festspielhaus St. Pölten, Großer Saal
26.04.09, 18.00 Uhr
Tonkünstler Orchester Niederösterreich unter der Leitung von Andrés Orozco-Estrada mit der Carmen-Suite nach Bizet, arrangiert für Streicher, Pauken und vier Schlagwerkgruppen (1967) nach Rodion Schtschedrin.
Choreografie: Karin Steinbrugger
Dramaturgie: Heinz Janisch
Schauspiel: Hubertus Zorell
Organisation: Susanne Hofer
12 unbedarfte Tänzerinnen im Alter von 13 bis 19 Jahren.

 

In der kitschfreien Bearbeitung Carmens durch den Moskauer Rodion Schtschedrin werden die Schärfen und die Dynamik und Dramatik des Werkes gesteigert. Eindringlich begleiten die Schläge der Pauken und Trommeln den großen Chor der Streicher. Ein dramatisches Gefühl geht ins Publikum. Jedoch durch die Unterbrechung des Erzählers und Spielleiters wird stets das Augenmerk auf das Handlungsgeschehen gelenkt. Drei Tänzerinnengruppen zu je vier Mädchen, also insgesamt 12 Mädchen, versuchen nicht nur den Carmen-Stoff in Bewegung zu übersetzen, sondern pädagogischen Nutzen daraus zu ziehen. Kennt doch jeder die Gefahr von Liebe und Leidenschaft und kann nicht früh genug davor gewarnt werden. Die Rolle des Spielleiters (Hubertus Zorell) eignet sich vorzüglich nicht nur als Tanzlehrer zu gefühlsstarkem Ausdruck anzuregen, sondern als Mahner und Pädagoge aufzutreten. Jede der Tänzerinnen soll für sich ausloten, wo und wie ihre Gefühle begraben liegen oder zu wecken sind und wie sie umgesetzt werden können. Das aufeinander Eingehen, Rollen tauschen und eins werden in der Figur der Carmen als Verführerin gelingt. Drei Gefühlsbereiche muss jede Tänzerin durchlaufen: die der roten Seite, der Leidenschaft, die der blauen, der männlich coolen (Handlungsrolle von José und Escamillo) aber doch zu verführenden – und die der grünen Seite, der Rolle der zurückgelassenen, enttäuschten Geliebten oder der der Verwandten und Bekannten ohne Einfluss. Der Rollentausch bringt das Eintauchen in die Gefühle der leidenschaftlichen und vorsätzlichen Verführerin sowie in die Angst der Verlassenen oder Zurückgewiesenen.

Die Choreografie wird in der Vogelperspektive an die Rückwand des Bühnenraums geworfen und zeigt sinnbildlich den Perspektivenwechsel der Figuren und des Betrachters. Gleichzeitigkeit, Ruhe und Harmonie ist das Resultat. Es bedarf keines weiteren Bühnenbildes oder besonderer Lichtregie. Genug Dramatik liegt in der Handlung und der Musik.

Vor allem, wenn die Tänzerinnen für eine Szene fast bewegungslos im Dunkeln verschwimmen, kann man sich der hervorragend vorgetragenen Opernmusik widmen. Etwas weniger Tanztheater oder kürzere Szenen wären für die Zuhörer unter den Zusehern wünschenswert gewesen, um nicht die Choreografie der Gefahr, hie und da zu einem Einheitsbrei zu verkommen, auszusetzen.

Carmen. Rez.: E. Riebler

True Stories. Rez.: Eva Riebler

Eva Riebler
KONTERKARIERTE KLISCHEES

 

 
TRUE STORIES
Bangarra Dance Theatre
Österreich-Premiere
Festspielhaus St. Pölten, Großer Saal
17.04.09, 19.30 Uhr
Choreografie: Frances Ring und Elmar Kris

 

Das Bangarra Dance Theatre wurde 1989 gegründet und hat seine Heimat im Konzerthaus in Sidney. Es steht für modernes und für traditionelles Tanztheater aus der Region Queensland, der Kultur der Aborigines vermischt mit der der Torrres-Strait-Insulaner.

Der erste Teil des Abends war der Tradition gewidmet. „True Stories“, Alltagshandlungen im Kostüm der Vergangenheit: mit bemaltem Oberkörper zeigten Männer Jagdszenen oder Frauen in einfachen unspektakulär farbigen Kleidern saßen beim Ernten, Hülsefrüchte sondieren oder vielleicht Mehl reiben am Boden. Synchrone perfektionierte Paartänze und Reigentänze zu acht oder zehnt erzählten Inhalte aus dem einfachen Leben der Eingeborenen. Besonders auffallend waren die schnellen rhythmischen Stakkatos der Beine. Der Wind und der Regen bekamen Bedeutung und die alten Bräuche und Rhythmen, vor allem der Torres-Strait-Insulaner, wurden vorstellbar. Sie werden durch dieses Tanztheater dem Vergessen sowie dem allzu klischeehaften Traditionstanz entrissen.

Der zweite Teil der Performance wies für mich wesentlich mehr Eigendynamik, individuelle Bewegungssprache und Können punkto Arrangement, Lichtdesign und Performance auf. Er widmete sich zeitgenössischen Problemen in moderner Choreografie. Mit „X300“ wurde die Problematik der Verstrahlung der Einheimischen durch die verantwortungslosen Kernwaffentests der Weißen sowie der Missbrauch des Einheimischen zu Versuchs- und Forschungszwecken signifikant verdeutlicht. Konterkariert wurde mit Takten der Hymne der Einwanderer „Good save the Queen“.

Die Lichttechnik zu diesem Werk sowie das Bühnenbild des fliegenden überdimensionierten Vogels waren besonders geglückt. Vor allem der innovative zweite Teil des Abends verdient Anerkennung.

Nach der Vorstellung wurde das Premierenpublikum zur traditionellen Party im Haydn-Saal eingeladen. „Down Under“ als Thema klang gut, die E-Gitarre und das Schlagzeug der Band aus Herzogenburg jedoch, wurden eintönig laut und unsensibel im Stil der späten 60er Jahre geführt. Sie zerstörten fast den Gesang des Bandleaders und den Klang des überdimensionierten Didgeridoos und luden weder zum rhythmischen Zittern noch zum Tanzen ein.

True Stories. Rez.: Eva Riebler

Musical Stretching. Rez.: E. Riebler

Eva Riebler
VOM ENDE DES KRITIKERS

 

 
MUSICAL STRETCHING
Werke von Heinrich Ignaz Biber, Barry Guy u. a.
Festspielhaus St. Pölten, Haydn-Saal
12.03.09, 19.30
Uhr
Maya Homburger:
Barockvioline

Barry Guy: Bass

Pierre Favre: Perkussion

 

Werke: Hymne “Veni Creator Spiritus” (9. Jhdt.),
Heinrich Ignaz Franz von Biber, Pierre Favre, Barry Guy.

 

Das internationale Ensemble ist der Originalmusik verpflichtet und lässt weder Verjazzung noch billige Verklammerung der Stücke im Sinne eines Crossovers zu. Barry Guy brachte aus seinem Kontrabass fast weiche, einschmeichelnde Klänge hervor und begeisterte mit seiner Rhythmus-Destabilisierung und seinem Anti-Berieselungsprogramm. Das Schlagzeug von Pierre Favre war vor allem vor der Pause wenig abwechslungsreich oder spektakulär, während Maya Homburger auf ihrer Barockvioline aus 1740 im Originalton die Rosenkranzsonate I und XI nach Heinrich Ignaz Franz von Biber (1644-1704) intonierte und interpretierte. Die dritte Rosenkranzsonate sowie das zweite Ember für Perkussion von und mit Pierre Favre konnte ich leider nicht mehr miterleben, da die Lüftungsanlage derart hartnäckig auf meine Schulter blies, dass ich, nach dem ich auch am Pausenbuffet dem kühlen Hauch von oben ständig ausgesetzt war, endgültig das Weite suchen musste. Weder mit Schal noch mit Samtsakko bewaffnet, hatte ich eine geeignete Gegenstrategie parat.

Musical Stretching. Rez.: E. Riebler

Brassband Blechschaden. Rez.: E. Riebler

Eva Riebler
GENUSS OHNE SCHADEN

 

 
BLECHSCHADEN
Festspielhaus St. Pölten, Großer Saal
07.03.09, 19.30 Uhr
Leitung und Dirigent: Bob Ross
Trompete: Erich Rinner, Guido Segers, Franz Unterrainer, Werner Binder, Hermann Göß
Horn: David Moltz
Posaune: Benjamin Appel, Daniel Bonvin
Euphonium: Matthias Fischer
Tuba: Thomas Walsh
Schlagzeug: Arnold Riedhammer

 

25 Jahre Blechschaden
Der lebhafte Lowlander Bob Ross, 1954 geboren in einer kleinen Bergarbeiter-Stadt Schottlands, steckte seine Kollegen der Münchner Philharmonie mit der Liebe zur Brassband an. Mit Musikern aus Tirol, Franken, Belgien, Cleveland, Crans-Montana CH, Philadelphia oder New Jersey setzt sich dieses Ensemble zusammen. Eines haben sie alle gemeinsam: Sie sind hoch dekorierte und hoch qualifizierte Solo-Instrumentalisten, vorwiegend dem klassischen Repertoire, dem so genannten traditionellen „Bruckner-Klang“ verpflichtet.

Die Stückauswahl kam vorerst aus dem Klassischem Bereich à la Richard Strauss Zarathustra, aus dem 16. Jahrhundert eine Kanzone von Giovanni Gabrielli, aus dem klassischen Big-Band-Sound Glen Millers die Moonlight Serenade bis zum bereits klassischen Modernen Michael Jackson mit einer Bearbeitung von Another part of me. Schottische Tänze kamen ohne Dudelsack aus und auch den Tango für Elisa gab es nicht als Beethovens Klaviersonate, sondern das Arrangement kam ohne Klavier oder Streicher aus. Die Streicher dürften die musikalischen Feinde der Blechbläser sein, denn die meisten Witze machte Bob Ross auf ihre Kosten. Kostprobe gefällig? „Was unterscheidet eine Waschmaschine von einem Streicher? Sie hat einen regelmäßigeren Rhythmus und kommt erst am Ende ihres Programms ins Schleudern!“

Man hält es nicht für möglich, auch der Hummelflug von Nicolai Rimsky-Korsakov eignet sich nicht nur für Streicher, sondern hervorragend auch für Blechbläser.

Gute Laune war angesagt. Der Schlagzeuger Arnold Riedhammer durfte sein exzellentes Solo nicht nur auf dem Boden oder den Wänden fortsetzen, sondern bespielte auch das mit Kopfhörern bewehrte Haupt eines Posaunisten, der allerdings den Schallwellen mit geöffnetem Mund widerstand.

Abwechslung, Witz gepaart mit Virtuosität und Können! Die Spielfreude der Musiker riss das Festspielpublikum zu Applausstürmen hin und die Zugaben kamen in Serie.

Brassband Blechschaden. Rez.: E. Riebler